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05.09.2010, 05:37 Uhr  
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Bergbau-Lyrik

Viele Betroffene empfinden den saarländischen Bergbau und die Auswirkungen auf die Bevölkerung als Terror.

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Kolumne „Gefährliche Illusionen“ im IHK-Magazin „Wirtschaft im Saarland“
Autor IHK-Vizepräsident Philipp Gross


Sehr geehrter Herr Dr. Weber,
sehr geehrte Damen und Herren des Präsidiums der IHK Saarland,

die im Septemberheft des IHK-Magazins veröffentlichte Kolumne „Gefährliche Illusionen“ sprengt jedes Maß im Umgang mit Andersdenkenden. So ein Pamphlet ist mir in 30 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit im Umweltschutz noch nicht unter die Augen gekommen!

Im ersten Teil seiner Kolumne bereitet Herr Gross mit sachlichen Scheinzwängen den Boden für die anschließenden Angriffe im zweiten Teil auf diejenigen vor, die nicht seiner Auffassung sind.

Zunächst wird behauptet, dass durch die Stilllegung von Kraftwerken in den nächsten 12 Jahren rund 40 -50 000 Megawatt Leistung vom Netz gehen. Diese „Lücke“ könnte durch „auch die größten Einsparbemühungen und ehrgeizigsten Ausbaupläne für erneuerbare Energien“ nicht geschlossen werden.

Diese Behauptung ist unzutreffend! Derzeit sind in Deutschland Kraftwerkskapazitäten von ca. 125 000 MW installiert! Der Bedarf in Deutschland schwankte bisher saisonal zwischen etwa 45 000 und 78 000 MW! Berücksichtigt man, dass etwa 10 Prozent nicht einsetzbare Leistung vorhanden sind, bleiben immer noch in der Spitze (einmal im Jahr) etwa 33 000 MW freie Kapazität übrig. Aus dieser freien Kraftwerksleistung werden Nachbarländer, wie die Niederlande, bedient. Zudem findet im europäischen Verbundnetz ein ständiger Austausch von Strommengen statt. So importiert Deutschland erhebliche Atomstrommengen aus Frankreich und Tschechien und fungiert zudem als Transitland.
Die Elektrizitätsunternehmen haben angekündigt, etwa 28 000 MW Leistung zubauen zu wollen. Gleichzeitig sollen nur 7 000 MW alte Leistung vom Netz gehen. Wie aus diesen Fakten Herr Gross eine Stromlücke prognostizieren will, erschließt sich nur ihm allein!
Eingerechnet sind noch keine Einspareffekte! Diese könnten sich nach einer Studie des Umweltbundesamtes im kommenden Jahrzehnt auf 110 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr belaufen. Würden die heute schon verfügbaren und wirtschaftlichen Stromsparmöglichkeiten, insbesondere in der Industrie, konsequent umgesetzt, kann man auf den Bau von etwa 30 Doppelkraftwerken verzichten („Stromsparen: weniger Kosten, weniger Kraftwerke, weniger CO2“ UBA August 2007).

Ferner behauptet Herr Gross, dass die Energiewirtschaft „vorrangig auf hocheffiziente Kohlekraftwerke“ nach dem neuesten Stand der Technik setzt“.

Das Gegenteil ist richtig. Geplant sind wahre Energieverschwender!
Effizient heißt, die Wärmeinhalte der Kohle müssen so genutzt werden, dass neben der Stromversorgung die anfallende Abwärme möglichst vollständig verwertet wird. Dies ist bei Ensdorf NEU jedoch nicht der Fall. Selbst wenn man eine Ausblendung von etwa 140 MW Prozess- und Heizwärme unterstellt, werden immer noch beinahe 1 600 MW an Wärme über den Kühlturm abgeleitet. Diese würden ausreichen das gesamte Saarland zu beheizen. Das geplante Großkraftwerk kann also systembedingt niemals effizient sein. Es wäre ein Energieverschwender größten Stils!

Will man Effizienznutzung des Brennstoffes Steinkohle durchführen, geht das nur mit Heizkraftwerken in dezentralen Strukturen, deren Leistungsgröße dem Wärmebedarf angepasst werden muss. Genau diese Strukturen aber werden von der Elektrizitätswirtschaft abgelehnt. Diese hat die Verpflichtung zum Ausbau von Nahwärmenetzen seit mehr als 20 Jahren mit Hilfe von Lobbyarbeit erfolgreich abwehren können. Gleichzeitig wurde der Verkauf von Erdgas forciert, denn die Distribution erfordert weniger Kapital als bei Wärmeverteilungssystemen. Zudem lssen sich mit dem Gasverkauf höhere Gewinnspannen erzielen.

Die Einführung einer dezentralen Energieversorgungsstruktur aber wäre ein Dauerkonjunkturprogramm, das wesentlich mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze geriert als der bisherige „harte“ Weg. Sie böte mittelständischen Unternehmen Arbeitsaufträge über Jahrzehnte!
Einen derartigen Weg hat Dänemark ab 1985 begonnen. Dort werden Großkraftwerke der Größenordnung von Ensdorf NEU nicht mehr gebaut. Eine wabenförmige Versorgung mit einem vielfältigen Mix an wohnortnahen Kraftwerksanlagen speist die Abwärme in Fernwärmenetze ein. Etwa 50% der Bevölkerung profitieren davon. Zusätzlich notwendiger Strom wird mit dem Bedarf angepassten Gasturbinen erzeugt. Diese sorgen auch für Netzstabilität!

Dezentrale Einheiten mit ihren reinigungstechnisch wesentlich besser beherrschbaren, weil geringeren. Abgasmengen, sorgen für niedrigere Emissionen. Durch den Wegfall der Individualfeuerungen im Winter sinkt die Immissionsbelastung erheblich.
Die tausende Tonnen Säurebildner und hunderte Tonnen Feinstäube des geplanten Großkraftwerks könnten so weitestgehend vermieden werden.

Hätte sich Herr Gross mit diesen Tatsachen ernsthaft auseinandergesetzt, wären seine mehr als peinlichen Attacken im zweiten Teil unterblieben!
Kritiker und Gegner der Planung in Ensdorf werden von ihm als „Wundergläubige, Egoisten und Weltverbesserer“ in übelster Weise angegangen! Ein unmöglicher Vorgang in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Offensichtlich weiß Herr Gross nicht, dass sich eine breite Front von Umweltschützern, Ärzten, Parteien und auch Gemeinden gegen das Projekt aus den oben erwähnten Gründen ausgesprochen hat. Nach der letzten repräsentativen Infratest-Dimap-Umfrage lehnen bereits 52 % der Saarländer den Bau ab; nur 42 % waren dafür. Im Umfeld der Anlage sollen es bereits bis zu 80 % sein!
Alle genannten Gruppierungen fordern inzwischen ein 500 MW GuD-Kraftwerk mit einem elektrischen Wirkungsgrad von beinahe 60 Prozent, eine Wärmeauskopplung mit Ausweitung der Fernwärmeschiene Saar, so dass der Gesamtwirkungsgrad auf mindestens 75 Prozent steigt, eine hochwirksame Abgasendreinigung und die umgehende Abschaltung der Altkraftwerke. Zu einem Kraftwerk der genannten Größenordnung hatte sich RWE in der sog. Eckpunktevereinbarung von1996 verpflichtet und mehrfach betont, dass ihr diese Leistungsgröße ausreiche.

Wenn Herr Gross, Geschäftsführer der Baufirma Peter Gross GmbH & Co. KG, St. Ingbert, von einem Gesamtinteresse (der Gesellschaft) spricht, wird man hellhörig. Schließlich erhofft sich die Baufirma Gross Aufträge von RWE. Deshalb wohl dieses Niedermachen von angeblichen Minderheiten zum Wohlgefallen des potentiellen Auftraggebers. Solche Stigmatisierungen ganzer Bevölkerungsgruppen haben wir in der deutschen Geschichte schon mehrfach erlebt und erinnern uns an unselige Zeiten!

Das Gesamtinteresse unserer Gesellschaft ist nicht deckungsgleich mit den rein kommerziellen Partikularinteressen der Firma Gross!

An anderer Stelle wird zu prüfen sein, ob die Meinungsäußerungen des Herrn Gross zu einem Kraftwerksneubau in Verbindung mit der Abkanzelung von Andersdenkenden mit der Zuständigkeit und Kompetenz einer Körperschaft des öffentlichen Rechts im Hinblick auf alle ihre Zwangsmitglieder noch vereinbar ist.

Ich erwarte, dass das Präsidium der IHK des Saarlandes ihren Vize-Präsidenten veranlasst, spätestens in der Novemberausgabe des IHK-Magazins die Entgleisungen zurückzunehmen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen!

Mit besonders umweltfreundlichen Grüßen

Karl-Heinz Winkler, Vorsitzender
Offener Brief der IGU-Höcherberg an das Präsidiums der IHK Saarland | Anmelden bzw. neues Benutzerkonto einrichten | 0 Kommentare
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